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mam Thierry Simonelli
An interview with Vera Sharav, survivor of the Holocaust

Stimmen für den Schweigemarsch

Ursprünglich hatte ich gar nicht vor, nach meinem Artikel über die „1200 Ignoranten“ erneut über die Marche Blanche zu schreiben. Ich ging irrtümlicherweise davon aus, dass das Wesentliche gesagt sei, und dass es eigentlich keiner Wiederholung bedürfe. 

Doch wenn anstelle von 1200 Menschen in Weiß dann 4000 Menschen sich mobilisieren, um öffentlich gegen die Covid-Gesetze und Maßnahmen der Regierung zu demonstrieren, dann haben wir es mit einer neuen Situation zu tun. 

Das dachten sich wohl auch die Journalisten/Fotografen vom Luxemburger Wort, die sich am Freitag den 15. Oktober zur Philharmonie bemühten. 

Mein Mann sprach die Journalisten spontan an: 

– „Hallo, dürfte ich Ihnen mal eine Frage stellen, bitte?“ 

– LW: „Ja sicher, gerne“. 

– Mein Mann: „Wo waren Sie denn vor 2 Wochen, als 1200 Leute hier waren? Ich bezahle 300 EUR im Jahr für ein Abo und werde nicht darüber informiert, was hier im Land passiert, finden Sie das normal? Wofür bezahle ich Sie eigentlich?“ 

– Die Herren antworteten, etwas betreten: „Das letzte Mal wurden wir nicht hierhin geschickt.“

– Mein Mann wiederholte: „Sie finden das also normal, dass ich so viel Geld dafür ausgebe, um nur über die Sachen zu lesen, zu denen Sie hingeschickt werden und nicht darüber, was wirklich hier im Land passiert? Was ist für Sie denn bitteschön Journalismus? Das zu machen, was man sie anstellt?“

– LW: „Dafür sind wir ja JETZT hier.“ 

Das war wohl schwerlich eine Äußerung vom Mut der Suche nach „Recht und Wahrheit“. 

Der Schweigemarsch der Presse

Luxemburger Wort

Die beiden Herren vom WORT trugen, wie fast alle am Marsch beteiligten, keine Masken, was dann auch deren Berichterstattung vom 16. Oktober desto überraschender macht. Denn im Wortartikel der beiden Journalisten wird nämlich insbesondere das „Nicht-tragen der Maske“ als ein Verstoß gegen das Covid-Gesetz angeprangert, da das Maskentragen für Veranstaltungen ab 300 Menschen immer noch Pflicht sei. 

Auch in ihrem Bericht vom Montag, dem 18. Oktober, wurde weiterhin das Nicht-Tragen der Masken als einer der Hauptkritikpunkte thematisiert. 

In diesem letzteren Bericht wird überdies der peinliche und fast schon abgegriffene Versuch unternommen, Dr. Benoît Ochs zu diskreditieren. Aber in einer Zeit, in der man lieber über Menschen herzieht, als sich mit deren Argumenten zu beschäftigen, gehört solche Vorgehensweise offensichtlich zur „neuen Normalität“. In dieser lobenswerten Absicht dürfen dann auch gerne dienliche Unwahrheiten instrumentalisiert werden, um die eigenen Überzeugungen zu vermitteln. So schreiben die Journalisten tatsächlich: 

„Die Sterblichkeitsrate der Impfung liegt über der Sterblichkeitsrate der Coviderkrankung“, behauptet der umstrittene Arzt Dr. Benoît Ochs in einem Interview mit Expressis Verbis, einer alternativen Nachrichtenseite. Die Impfung habe 40 Millionen Menschenleben gekostet. Wegen solcher und ähnlicher Aussagen steht der Mediziner aus Junglinster in der Kritik. Über ihn wurde ein einjähriges Berufsverbot verhängt. 

Das hier zitierte Originalvideo befindet sich frei zugänglich in unserer Videothek, und wir laden jeden interessierten Leser ein, sich dieses im Detail, vor dem Hintergrund der Wort-Aussagen, anzusehen. In der Tat hat Dr. Ochs in keinem einzigen seiner Interviews bei uns eine solch absurde Aussage von sich gegeben.

Ab Minute 5:40 des besagten Videos, das Sie sich mit diesem Link noch einmal ansehen können, redet Dr. Ochs von offiziell anerkannten 40 Impftoten auf 1 Million geimpfte Leute. Die Originalaussage in besagtem Video lautet exakt: „40 déclarés, 40 morts par million de vaccinations“. Er berief sich in seinen Aussagen auf die offiziell verfügbaren Statistiken im Kontext der neuartigen Impfung.

Er spricht zugegebenermaßen oft sehr schnell. Immerhin ist Französisch seine Muttersprache. Doch sogar für Luxemburger, für die Französisch eine Fremdsprache ist, dürfte das, was er tatsächlich gesagt hat, nicht mit dem übereinstimmen, was die Wort-Journalisten gehört haben. Sollten sie beabsichtigen, ihm falsche Aussagen unterstellen, wäre das sicher eine zusätzliche Aufgabe für die Anwälte von Dr. Ochs.

Auf der anderen Seite wird Expressis Verbis jedoch vom Luxemburger Wort als „alternative Nachrichtenseite“ bezeichnet; was unserem Wunsch nach Vollständigkeit der Berichterstattung bereits sehr nahekommt. Sie scheinen demnach – zumindest insgeheim – verstanden zu haben, dass man ihre staatsbegleitenden Darstellungen auch aus einer kritischen Perspektive betrachten kann.

Der Schweigemarsch im L‘Essentiel

Die Zeitung L’Essentiel berichtet in einem Kurzbeitrag vom 15. Oktober 2021, dass: 

„zwischen 3500 und 4000 Menschen den umstrittenen Dr. Ochs [bejubelten], der von der Ärztekammer verurteilt wurde, weil er gegen ein Dutzend Artikel der Berufsethik verstoßen hatte.“

L’Essentiel scheint den Unterschied zwischen Urteil und Berufungsverfahren in diesem Fall genauso wenig zu kennen wie die Unschuldsvermutung. Man möchte glauben, dass wer einmal verurteilt wurde, dann auch in Berufung und wahrscheinlich auch nach einer möglichen Revision schuldig gesprochen bleibe.

Wie andere Berichte scheint auch L’Essentiel davon auszugehen, dass Dr. Ochs einer der Anführer der Schweigemärsche ist. 

Interessant ist aber auch das unterschwellige, abwertende Urteil gegenüber den 3500 bis 4000 Menschen die einen scheinbar ausgewiesenen Kriminellen bejubeln. Man fühlt sich hier unweigerlich das vom italienischen Juristen und Kriminologen Scipio Sighele 1891 erschienene Werk Die kriminelle Masse erinnert. So dachte der italienische Experte der Massenpsychologie, dass ganz normale Menschen unter dem Einfluss von Massenphänomenen sich in Perverse und Kriminelle verwandeln können. Damit wüsste man wenigstens, wenn man L’Essentiel’s subtiler Suggestion folgt, was man von diesen jubelnden Menschen – unter denen offensichtlich auch L’Essentiel-Leser waren – zu halten habe. 

Der Schweigemarsch im Tageblatt

Eric Hamus hat im Tageblatt eine ausgewogene Beschreibung des Schweigemarschs vorgelegt. Schon die Einführung scheint die Pluralität der Anliegen der Teilnehmer richtig zu spiegeln:

„Neben einigen Impfgegnern und radikalen Covid-Leugnern hatten sich viele besorgte Bürger eingefunden, die eine Spaltung der Gesellschaft befürchten oder noch Fragen bezüglich der Impfung und bestimmter Covid-Maßnahmen haben.“ 

Hier scheinen also nicht alle Kritiker der „sanitär-politischen Situation“ ohne weiteren Beweis oder Argumentation als Schwurbler oder Verschwörungstheoretiker dargestellt zu werden, wie das in Syndey Wiltgens Texten die Regel ist. 

Hamus weist darauf hin, dass es für viele der Beteiligten um die, wie mir scheint nicht unberechtigte Angst geht, dass mit den Maßnahmen und den öffentlichen Diskursen „die Gesellschaft sich zu spalten droht und das gemeinsame Zusammenleben aus dem Gleichgewicht“ geraten würde.

So sei auch eine der Absichten der Teilnehmer, die „Bürger über ihre Differenzen hinaus zu vereinen und wieder Sinn und Hoffnung zu verbreiten“. Der Schweigemarsch solle deshalb „der Regierung ein starkes Signal  senden“. Denn für zahlreiche Bürger, so Hamus, „stünden  zu viele Fragen  immer noch offen“.

Äußert interessant für mich scheint auch der Hinweis auf den Verdruss darüber, dass alle „in einen Topf geworfen würden: Besorgte Bürger, Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, Pandemieleugner und Anhänger rechtsradikalem Gedankenguts, die von der Gelegenheit profitieren wollen, um ihre fragwürdigen Überzeugungen öffentlich zu verbreiten. Dabei haben viele Menschen durchaus berechtigte Fragen, die wegen der aktuellen Stimmung nicht beantwortet werden.“

Diese Entmischung im Topf des politischen und ideologischen Einerlei ist selbstverständlich beim Tageblatt besonders erfreulich. Und vielleicht können wir ein wahres Zeichen in dieser gemäßigten, realistischen Schilderung sehen.

Lesen wir dazu auch noch Marco Goetz Tageblatt Editorial vom 19. Oktober.

Goetz erinnert daran, dass auch in einer Demokratie die Majorität nicht unbedingt mit Wahrheit und Recht gleichzusetzen sind. Auch weiß Goetz „dass es wichtig ist, Dinge zu hinterfragen“. In der Tat. 

Interessant scheint hier auch, dass Goetz wenigstens abstrakt zu unterscheiden vermag, zwischen den vagen politischen Aussagen, die aus dem „Bauchgefühl“ heraus eher flapsig und emotional bleiben, und den artikulierten Begriffen der politikwissenschaftlichen Analyse. Nebenbei bemerkt wäre nicht zu vergessen, dass viele unserer Journalisten trotz ihres elitär intellektuellen Selbstverständnisses diese letztere selbst nicht so regelmäßig praktizieren, dass sie sich dafür als Beispiel aufspielen könnten. 

Leider vermag es auch Goetz, allen besseren Absichten zum Trotz, nicht des begrifflich relevanteren Wahrheitskerns der Anschuldigungen des „diktatorischen Gehabes“ habhaft zu werden. Dass die Corona-Maßnahmen eine „Zumutung für die Demokratie“ (Angela Merkel) sind, wurde nicht nur von unklaren Bauchgefühlen Demonstrierender angedacht. In perfekter Corona-Amnesie über vorherige politische Pandemie-Konstrukte und einer massiven europaweiten Krise der repräsentativen Demokratie bleibt das kleine Exposé über Demokratietheorie im Oberlehrer-Duktus dann leider im Kern dennoch auf besserwisserische Glasur beschränkt.

Der Schweigemarsch im Radio 100,7

In schönster Schulaufsatzmanier hat der öffentlich-rechtliche Radiosender immerhin geschrieben, dass viele Teilnehmer Kritik an der aktuellen medialen Berichterstattung hegen. Auch wenn die Autorin bei ihren genauso schlecht informierten Kollegen die Suspendierung von Dr. Ochs abgeschrieben hat, freue ich mich über die ansonsten ausgewogene Berichterstattung in drei Abschnitten und sechs Sätzen.

Die Kommentare in den (a)sozialen Medien 

Die Kommentare der sozialen Medien bedürften eigentlich keines weiteren Kommentars. Hier outen sich in der Regel sonst respektable Mitmenschen mit verbalen Gesten von finsteren Schießbudenfiguren. Aus Gründen der Selbstachtung gehe ich auf solchen Unsinn hier nicht ein. 

Dennoch möchte ich in diesem Kontext die Aussagen und Kommentare des Secretaire général adjoint der Abgeordnetenkammer kurz eingehen. So konnte man vor ein paar Tagen auf dessen Facebook-Mauer in aller Öffentlichkeit folgendes lesen: 

Der süffisante Sarkasmus einer der höchsten Beamten des Landes spricht wohl Bände. Er gibt uns vorrangig einen tiefen Einblick in das Selbstverständnis verschiedener Angehöriger der hohen Beamtenschaft und der Politik (wie man es auch bei Alex Bodry und Sven Clement’s Kommentaren auf derselben Seite feststellen kann). Bei diesen Leuten hat der Begriff der Herdenimmunität wohl eine ganz besondere Bedeutung.

Sehen wir einmal davon ab, dass der patriotische Staatsdiener in 2 Sätzen 3 Rechtschreibfehler fertiggebracht hat. Übertroffen wurde er dabei übrigens von seinem hygienebewussten Gesprächspartner, der es in seiner kürzeren Antwort immerhin noch auf 4 Rechtschreibfehler gebracht hat. Gedanklich und sprachlich hervorragendste Herrschaften!

So scheinen der Aristokratienostalgiker und Monarchist Reiter, sowie seine hohen Freunde zu glauben, dass das demonstrierende Wahlvieh sich nicht auf dem Platz der erhabenen Volksvertreter aufzuhalten habe. Und wenn solches Getier sich trotzdem auf die nicht so demokratischen Treppen des parlamentarischen Palastes verirren sollten, sollten diese vom Schmutz des ekelhaften Pöbels desinfiziert werden. 

Damit versteht man wohl auch die tieferen Motive des Maskenzwangs bei verschiedenen realen oder imaginären Machthabern: Masken schützen vor dem unausstehlichen Gestank der ungezogenen Herde. Das Volk: The Great Unwashed

Herr Reiter und seine staatlichen Freunde scheinen trotz aller Gebildeten-Überheblichkeit zu vergessen, dass die modernen, demokratischen Parlamente auch mit der unsanften Absetzung der aristokratischen Ordnungen einhergingen. Wetten wir darauf, dass keiner unserer Journalisten auf solche Äußerungen, die Beamten und Politikern im Ausland unmittelbar die Karriere kosten würden, eingehen wird.

Die Polizei 

Zu guter Letzt geht der Dank aller Teilnehmer der Marche Blanche, für die es tatsächlich keinen spezifischen Organisator gibt, an die Polizei. Sie waren ausgesprochen nett, sehr ruhig und absolut professionell. Sie hatten die Situation, obwohl sie hoffnungslos in der Unterzahl waren, gut im Griff. Vielleicht, weil sie einfach nur nett waren. Ein Polizist meinte sogar, es sei entspannter mit uns, als bei manchem Fußballspiel. 

Ich bekam aber eine Unterhaltung mit, mit der ich diesen Artikel abschließen möchte, denn sie hat mich sehr bewegt. 

Wir standen an der Ecke der Rue Philippe II und der Grand-Rue. Ein Herr ging auf einen Polizisten zu und meinte nett und höflich: „Ich würde mich gerne mit einem Wunsch an Sie richten. Sie müssen mir jetzt nicht antworten, denn ich weiß, Sie dürfen das nicht. Doch: wenn das jetzt so weitergeht mit der politischen Willkür, oder vielleicht sogar noch schlimmer wird, würden Sie dann bitte daran denken, dass Sie dazu da sind, das Volk zu schützen und nicht die Politiker? Sie haben bestimmt auch Kinder oder einen Kinderwunsch. Wenn Sie auch nicht möchten, dass sie in einer Welt aufwachsen müssen, in der Politiker so etwas mit dem Volk tun, dann denken Sie nicht an uns, die jetzt vor Ihnen stehen, sondern an Ihre Kinder und an ihre Zukunft. Für mich ist es egal, ich bin alt. Doch unsere Kinder der Gesellschaft … sollen sie wirklich in einer Diktatur, einer Mischung aus „Brave New World“ und „1984“ und in diesem Lügen-Geld-Morast aufwachsen? Vergessen Sie bitte nicht, dass Sie dazu da sind, das Volk und seine zukünftigen Kinder zu schützen.“ 

Der Polizist blieb professionell, stoisch. Auch seine Körpersprache verriet nicht viel, außer dass er sich dem älteren Herrn zugebeugt hatte, um ihn besser zu hören. Doch seine Augen schienen ehrlich bewegt, voller Empathie, Verständnis und, so schien es mir, auch von etwas Verzweiflung gefüllt. Mir schossen die Tränen in die Augen: Ich glaube, er verstand die Ängste des Mannes. 

In den 18 Monaten Maskentragen haben wir sehr viel gelernt; unter anderem „Augenblicke“ sowohl im wahren als auch im übertragenen Sinn zu erkennen. Und das war ein solcher Augen“blick“, der für mich etwas wirklich Bedeutsames hatte. 

Die nächste Marche blanche, so haben wir erfahren, findet übrigens am 29. Oktober statt.

Nathalie Meier

(PS: Ich bedanke mich herzlich bei Thierry Simonelli für seine wertvolle Unterstützung bei diesem Text.)