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Die Zeit der Krisen (2)

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Thierry Simonelli

Thierry Simonelli ist Psychoanalytiker, Doktor der Psychologie und der Philosophie. Er hat an verschiedenen Universitäten in Paris, Reims, Metz und Luxemburg Psychologie und Philosophie gelehrt und ist Autor mehrerer Bücher. Seit 2001 ist er in privater Praxis als Psychoanalytiker in Luxemburg tätig.

Die Bedeutung der Krise

Der moderne Krisenbegriff impliziert einen „Entscheidungszwang” bei dem das Schicksal einer historischen Periode, einer politischen Konstellation, einer wirtschaftlichen Situation oder sogar der Welt insgesamt bestimmt wird.

Erst im 18. Jahrhundert wurde der aus der hippokratischen Medizin stammende Begriff der „Krise” auf politische und gesellschaftliche Phänomene übertragen. In ihrer politischen Bedeutung, so der Historiker R. Koselleck, hatte die Krise zunächst eine recht breite Bedeutung. Gegen Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts kennzeichnete die Krise eine gesamte politische und militärische Lage, die sich so weit verschlechterte, dass sie zu einer Situation der Erhaltung oder Auflösung der politischen Ordnung führte. In diesem Sinne wurde die politische „Krise” in Analogie zur hippokratischen (medizinischen) Krise der Diagnose – als Moment der Manifestation einer radikalen Entscheidung – und des Urteils – der Lösung der Situation zum Guten oder zum Schlechten – konzipiert.

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts scheint der Begriff der Krise auch wieder mit der religiösen Bedeutung des Judicium (Jüngstes Gericht) verbunden: Im Moment der Krise entscheidet sich das Schicksal einer Kultur oder Zivilisation endgültig und unwiderruflich. In diesem Sinne schreibt Friedrich Schiller in einem seiner Gedichte: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht” (Resignation 1784).

Bei Schiller wird die Weltgeschichte selbst als permanente Krise gedeutet. Im Gedicht „Resignation” aus dem Jahr 1784 beklagt ein verstorbenes “Ich” das nicht eingelöste Versprechen des Jüngsten Gerichts. Nachdem es das irdische Glück für das Versprechen des ewigen Glücks nach dem Tod geopfert hat, erkennt es, dass jenseits des Flusses der ihn vom Leben trennt, nichts auf ihn wartet. Das erhoffte Glück im Jenseits – „Hier – spricht man – warten Schrecken auf den Bösen, Und Freuden auf den Redlichen” – gibt es nicht. Das theologische Versprechen stellt sich als eine verlogene Illusion heraus. Als der Verstorbene seinen Lohn als Gerechter einfordert, hört er einen « Genius” antworten:

Wer dieser Blumen Eine brach, begehrte
Die andre Schwester nicht.
Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre
Ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre.
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.

(F. Schiller. 1784. Resignation)

Die mit dem Verzicht verbrachte Zeit war also verlorene Zeit: “Was man von der Minute ausgeschlagen, Gibt keine Ewigkeit zurück.”. Es gibt kein Jüngstes Gericht, es gibt keine Belohnung im Jenseits. Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte einer säkularisierten Welt, die zum selbst Ort und zur Zeit eines ständigen Jüngsten Gerichts wird.

Die religiöse Bedeutung der Krise erhält bei Schiller also zugleich eine posttheologische Bedeutung. Die Krise der säkularisierten Zeit erzwingt die Entscheidung zwischen den beiden Blumen, den beiden Lebensweisen: die Hoffnung auf das Jüngste Gericht im Jenseits, oder den Genuss des irdischen Lebens.

Einmal säkularisiert, wird die Krise so zu einer dauerhaften Entscheidung ohne Jenseits und ohne eine belohnende höhere Gerechtigkeit. Schiller formuliert damit eine der gängigen modernen Auffassungen des Begriffs „Krise”: Geschichte ist eine permanente Krise, in der sich die Zukunft in jedem Moment entscheidet. Diese Geschichte ist also nicht mehr die lineare Zeit der Eschatologie – oder deren modernisierte Version als Fortschritt oder Wachstum – sondern eine von unvorhergesehenen Brüchen unterbrochene Zeit.

Bei Rousseau (Emile ou de l’éducation, 1762) finden wir, noch vor Schiller, die erste wirklich moderne Verwendung des Begriffs der Krise. Rousseau stellt die Krise der Idee des historischen Fortschritts – der eschatologischen Vorstellung von der Geschichte als linearem Fortschreiten zu einer „besseren Welt” – und der Stabilität der zyklischen Zeit in der Geschichte – der naturalistischen Vorstellung von der Geschichte – entgegen. Es ist die Krise, die die lineare Bewegung der Geschichte oder die zyklische Ordnung der Zeit unterbricht, um die Möglichkeit des radikal Neuen zu schaffen.

Infolgedessen impliziert die Krise eine neue Konzeption der Revolution. Ursprünglich auf der Grundlage des zyklischen Modells von Zeit und Geschichte – entsprechend der Umlaufbewegung der Himmelskörper – konzipiert, öffnet sich die als Krise verstandene Revolution zu einer unvorhersehbaren Zukunft und zu einem ungewissen und unerwarteten Ende des gegenwärtigen Zustands.

In Anlehnung an Rousseau beschreibt Denis Diderot 1778 im Rahmen der vorrevolutionären Unruhen in Paris eine Krise, in der, wie R. Koselleck es formuliert, die Pariser bereit waren, an alles zu glauben, was eine Lösung von Konflikten versprach, und das zu einer Zeit, in der Freundschaften zerbrachen und unwahrscheinliche Zusammenschlüsse von Gegnern entstanden (Koselleck, 1991). In einer erstaunlich aktuellen Formulierung schrieb Diderot:

Es ist die Auswirkung eines Unwohlseins, das dem ähnelt, das einer Krise einer Krankheit vorausgeht: eine Bewegung geheimer Gärung entsteht in der Stadt; der Schrecken verwirklicht, was er fürchtet.

Mit Rousseau und Diderot befinden wir uns also am Ursprung des modernen Krisenbegriffs.

Historische Bedeutungen des Begriffs der Krise

Historisch gesehen hat sich der moderne Krisenbegriff in vier verschiedenen Bedeutungen entwickelt: die der Krise als Auslösung eines Momentes der Auflösung, die der Krise als Dauerzustand, die der Krise als einmaliges, aber wiederholtes Ereignis und die der Krise als Moment des endgültigen Urteils, eines möglichen Endes der Geschichte.

  1. Die „medizinische” Auffassung von politischer Krise stellt die häufigste Bedeutung dar, die wir heute noch der Krise geben. Aus dieser Perspektive stellt die politische oder wirtschaftliche Krise den Moment dar, in dem alles zu einer Situation beiträgt, in der es kein Zurück mehr gibt und eine Entscheidung mit unvorhersehbaren Folgen getroffen werden muss. Ein radikaler und historischer Wandel in der politischen Ordnung also, der keine Vorhersage darüber zulässt, was nach der Krise geschehen wird. Unter diesem Gesichtspunkt und mit dem historischen Abstand, den wir haben, könnten wir die Idee einer Finanzkrise, die die Welt 2007/2008 erschütterte, neu interpretieren. Einerseits war diese „Krise“ in vielerlei Hinsicht vorhersehbar, andererseits hat sie nicht die großen Veränderungen – die neue post-kapitalistische Welt – gebracht, die wir uns erhofft hatten. (Der Begriff der Wirtschaftskrise sollte jedoch noch weiter differenziert werden, siehe Punkt 4). Im Gegenteil. Es bleibt abzuwarten, ob die Covid-Pandemie eine Krise in diesem Sinn darstellt, einen Moment tiefgreifender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Zäsur.
  2. Nach einer zweiten Interpretation des Krisenbegriffs kann die moderne Geschichte als eine permanente Krise interpretiert werden. Die Krise wird so als ein Prozess begriffen, in dem die Weltgeschichte, in Schillers Worten, zu einer Säkularisierung des „Weltgerichts“ wird. In einer neueren Version könnte das Darwinische Konzept mit dem Überleben des Stärkeren als eingebürgertes Modell einer permanenten Krise verstanden werden, in der das Überleben der Art selbst dem ständigen Druck einer Entscheidung über Überleben oder Aussterben ausgesetzt ist. Hier wäre es eine Natur, die der Willkür der Umweltveränderungen und der daraus resultierenden Selektion unterworfen ist, die als Richter über die Geschichte stehen würde. Diese Variante findet sich in vielen zeitgenössischen ökologischen Argumenten über die Rolle menschlicher Aktivitäten für das Ökosystem der Erde wieder. Wenn Geschichte als permanente Krise verstanden wird, wenn die Zeit der Geschichte gleichzeitig ein Urteil über das Vorangegangene ist – Beständigkeit, Nachhaltigkeit, Kontinuität und Wachstum versus Verschwinden, Unterdrückung, Zusammenbruch und Verfall – dann stellt jeder historische Moment einen „Entscheidungszwang“ dar, in dem sich das Schicksal der Gegenwart und der Zukunft entscheidet.
  3. Eine Krise kann als ein mehr oder weniger einzigartiges und singuläres Ereignis interpretiert werden, bei dem eine zuvor stabile Situation durch eine plötzliche Beschleunigung in eine veränderte Lage versetzt wird. Solche Krisen können sich natürlich wiederholen und aufeinanderfolgen, aber sie sind dennoch außergewöhnliche Momente, die den linearen Lauf der Geschichte unterbrechen. Der Begriff der Wirtschaftskrise stützt sich auf diese Auslegung der Krise. Wie R. Koselleck in seiner Analyse der Geschichte des Begriffs „Krise” zeigt, fügt sich die „Wirtschaftskrise”, die auf der Gleichgewichtskonzeption des 18. Jahrhunderts. In der Wirtschaftskrise ist das angenommene Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Geld- und Warenzirkulation, zwischen Produktion und Verbrauch gestört. Die Krise stellt somit ein wiederkehrendes (sogar zyklisches) Moment der Störung des Gleichgewichts dar. Grund, warum Wirtschaftskrisen ab dem 19. Jahrhundert als historische Generatoren des Fortschritts interpretiert werden konnten.
  4. Die Krise kann auch den letzten Moment darstellen, den Moment des „Jüngsten Gerichts“, wenn die Geschichte zu Ende geht. Dieser theologische Topos, insbesondere der eschatologische Geschichtsbegriff – die geschichtliche Zeit, die sich auf ein Ende der Welt, das zweite Kommen Christi, hin entwickelt – scheint heute wieder aktueller zu werden. Man denke vor allem an die Arbeiten von Günther Anders zur Atombombe (z. B. Anders, 1995) aber auch an die Diskussionen über Klimawandel und Umweltkatastrophen. Im gleichen Sinne schließt Koselleck seine Analyse des Krisenbegriffs mit den Worten: „So stellt sich die Frage, ob unser semantisches Modell der Krise als einer Letztentscheidung nicht mehr Chancen der Verwirklichung erhalten hat als je zuvor. Wenn dem so ist, käme alles darauf an, alle Kräfte darauf zu richten, den Untergang zu verhindern.“ (Koselleck, 2016)

Folgt man diesem Gedankengang, so wäre der Begriff “Krise” und seine explizite Verwendung im politischen, wirtschaftlichen, soziologischen und journalistischen Diskurs nicht nur das Markenzeichen der Moderne, sondern die Geschichte der Moderne selbst wäre eine Geschichte von Krisen und Revolutionen. Dies wird erstmals in den bekannten Passagen des “Manifests der Kommunistischen Partei” von Marx und Engels aus dem Jahr 1847 festgestellt, wo die Bourgeoisie als eine im Wesentlichen revolutionäre Klasse beschrieben wird:

Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. […] Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeois-Epoche vor allen früheren aus.

Die Krise stellt keineswegs einen außergewöhnlichen Angriff oder eine Störung dar, sondern ist ein konstitutives Moment der Geschichte der Moderne. Diese Geschichte, so könnte man sagen, ist die Geschichte der Krisenzeit. Dies wird durch die außerordentliche Zunahme des Krisenbegriffs im politischen, sozialen und wirtschaftlichen Diskurs und in der Praxis unterstrichen.

Zu diesem Schluss kommt der Philosoph Paul Ricoeur in seiner Analyse des Begriffs “Krise”:

Was also die Krise unserer Zeit am besten zu charakterisieren scheint, ist zum einen das Fehlen eines Konsenses in einer Gesellschaft, die, wie gesagt, zwischen Tradition, Moderne und Postmoderne gespalten ist; zum anderen, und das ist noch ernster, der allgemeine Rückzug der Überzeugungen und der Fähigkeit zum Engagement, den dieser Rückzug mit sich bringt, oder, was auf dasselbe hinausläuft, der allgemeine Rückzug des Heiligen, ob man es nun als das vertikale Heilige (religiös im weitesten Sinne) oder das horizontale Heilige (politisch im weitesten Sinne) versteht.

In der Geschichte der Moderne ist die Krise zu einer “totalen sozialen Tatsache” (Mauss, 1923/24) geworden, d.h. zu einem globalen Ereignis, das alle Ebenen einer Gesellschaft erreicht und dem man sich nur durch “die Darstellungen, die die Gesellschaft von sich selbst macht” nähern kann.

Aus diesem Grund markieren Krisenmomente Momente der sozialen Organisation, Desorganisation oder Reorganisation, die gut charakterisiert und identifizierbar sind. Dies ist die von der Krisensoziologie vorgeschlagene Analyse.

Fortsetzung: Die Soziologie der Krise

Literatur

  • Anders, G. (1995). Hiroshima ist überall (Unveränderter Nachdruck der Originalausgabe). Verlag C.H. Beck.
  • Koselleck, R. (2016). Begriffsgeschichten: Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache (3. Aufl. 2016). Suhrkamp.
  • Koselleck, R. (1995). Krise. In O. Brunner, W. Conze, & R. Koselleck (Éds.), Geschichtliche Grundbegriffe: Vol. Bd.3 H-Me (Unveränd. Nachdr., 1. Aufl, p. 617‑650). Klett Cotta.
  • Fukuyama, F. (2006). The End of History and the Last Man (Reissue Edition). Free Press.
  • Mauss, M. (1923-1924). Essai sur le don. Formes et raisons de l’échange dans les sociétés archaïques. L’année sociologique, nouvelle série, tome 1.
  • Ricœur, P. (1988). La crise: Un phénomène spécifiquement moderne ? Revue de Théologie et de Philosophie, 120(1), 1–19.
  • Schiller, F. (1992). Werke und Briefe, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag.