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Das Diskriminieren der Selbstgerechten

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Thierry Simonelli

Thierry Simonelli ist Psychoanalytiker, Doktor der Psychologie und der Philosophie. Er hat an verschiedenen Universitäten in Paris, Reims, Metz und Luxemburg Psychologie und Philosophie gelehrt und ist Autor mehrerer Bücher. Seit 2001 ist er in privater Praxis als Psychoanalytiker in Luxemburg tätig.

 „Wenn die Corona-Pandemie etwas aufgezeigt hat, ist es wie schnell verschiedene Mitbürgerinnen von kritischem Denken in verschwörungstheoretische Abgründe gleiten können. Aufgrund der – auch von der woxx kritisch begleiteten – Maßnahmen und kontradiktorischen Vorgaben der Politik flüchten sich immer mehr Menschen in die Vorstellung, dass man Ihnen nicht alles sagen würde, dass „die da oben“ uns benutzen würden. So auch Expressis-Verbis: Der Verein verbreitet bis heute auf seiner Facebook-Seite zum Beispiel Links zu Beiträgen der als rechtspopulistisch eingestufte österreichischen Senders ServusTV oder der französischen Verschwörungsseite Re-Info Covid, der mehrfach Fake News nachgewiesen wurden. Insofern sehen wir uns in unserer Analyse bestätigt, dass Expressis-Verbis unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit verschwörungstheoretische Narrative bedient. Wir werden also auch weiterhin von unserer Meinungsfreiheit Gebrauch machen, und Schwurblerinnen als solche bezeichnen, ohne auf Kritik gegenüber der Politik zu verzichten.“

Anmerkung der Redaktion. WOXX 5. August 2021

Die Kämpfer gegen Diskriminierung

Hirnverbrannt. Verwirrte Schwurbler*innenherzen. Corona-Skeptiker. Verschwörungstheoretiker. Verschwörungstheoretische Narrative. Verschwörungsseiten. Rechtspopulistisch eingestuft. Deckmantel der Meinungsfreiheit. Fake News.

(Zitiert aus dem WOXX)

In Luxemburg hat sich kein Medium so aggressiv im Kampf für das Gender-Mainstreaming, gegen die Diskriminierung und für die Anerkennung von LGBTIQA-Rechten engagiert wie die Wochenzeitschrift WOXX. Lange, bevor es zum heutigen guten Ton gehörte, praktizierte das WOXX, im Einklang mit ihrem Kampf für Anerkennung der Gender-Ausgeschlossenen und Unterdrückten, die gendergerechte Rechtschreibung.

Auch wenn das WOXX nicht die Leitlinien der Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. (GfdS) der Kultusministerkonferenz und dem Kulturstaatsminister übernimmt, so verfolgt es dennoch das Exorzieren auch der subtilsten Formen sexueller Diskriminierung bis in die lexikalischen und grammatikalischen Wurzeln der Sprache hinein.

In ihrer Grundeinstellung verteidigt die WOXX also die vom DUDEN Verlag veröffentlichten sprachphilosophischen Prinzipien der GfdS:

Dies ist wichtig, weil die Sprache das Denken und auch das Bewusstsein der Menschen bestimmt; Sprache spiegelt nicht nur Realität, sie schafft auch Realität. (Eichhoff-Cyrus, 2004)

Beim Lesen der WOXX Artikel erscheint dennoch, dass die Frage inwiefern Sprache Realität bestimmt gedankenlos auf den radikalsten kleinen Nenner destilliert wird: Mit abgegriffener post-moderner Ideologie scheint für unsere nationalen Gender-Kämpfer einzig Sprache Realität zu schaffen.

Desto überraschender scheint es deshalb, dass die selbsternannten „kritischen“ WOXX-Journalist*Innen selbst systematisch sprachliche Diskriminierung praktizieren.

Wenn Sprache Realität schafft, dann schaffen schablonenhafte Urteile wie „hirnverbrannt“, „verschwörungstheoretisch“ oder „rechtspopulistisch“ auch moralische Diskriminierung, Verschmähung und eine Realität symbolischer Gewalt. Im Gender-Gerechtigkeitskampf und bei der scheinlinken Kritik ist der Kampf gegen Diskriminierung mit aggressiver Herabsetzung und Diffamierung anderer vereinbar.

Man könnte also glauben, dass für die WOXX-Journalisten nicht jede Form von Diskriminierung, nicht jede Art von symbolischer Gewalt unzulässig ist. Diskriminierung, Erniedrigung und Beschimpfung von Feindgruppen scheint als „Kritik“ zulässig und vielleicht sogar wünschenswert.

Folgt man dieser Idee weiter, so müsste man denken, dass es solchen Freiheitskämpfern nicht um eine Kritik der Diskriminierung, der Ungleichheit und der symbolischen Gewalt überhaupt geht, sondern um die Unterscheidung zwischen richtiger und falscher Diskriminierung. Falsche Diskriminierung ist diejenige, die der Eigengruppe widerfährt, richtige Diskriminierung ist das, was vermeintlichen Feindgruppen gebührt. Some animals are more equal …

Der Generalverdacht der Guten

Weshalb verwandelt sich Kritik der Diskriminierung regelmäßig in die Praxis der Diskriminierung Andersdenkender? Versichern wir uns der soziologischen Kennzeichnung der Diskriminierung. Diskriminierung, so der deutsche Soziologe und Diskriminierungsforscher Albert Scherr besteht:

a) in der sozialen Konstruktion und Verwendung von Klassifikationssystemen, die als Differenzkonstruktionen charakterisiert werden können, mit denen b) Gruppenkategorien (z. B. nationale, religiöse und ethische ‚Gruppen‘) und Personenkategorien (z. B. Behinderte/Nicht-Behinderte; Bildungsferne/Gebildete; Kinder/Erwachsene) unterschieden werden, die c) mit gesellschaftlich folgenreichen Vorstellungen über vermeintlich typische Merkmale sowie d) Annahmen über Ähnlichkeit und Fremdheit, Nähe und Distanz, Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit sowie e) nicht zuletzt über angemessene Positionen im Gefüge der gesellschaftlichen Hierarchien (Machtverhältnisse, sozioökonomische Ungleichheiten, Prestigehierarchien) verbunden sind.

(Scherr, A., El-Mafaalani, A., & Yüksel, G., 2017, S. 44)

Gesellschaftliche Diskriminierung begrenzt sich offenbar nicht auf genderspezifische Ausgrenzung. Gesellschaftliches Diskriminierungsdenken und Handeln findet immer dann statt, wenn Gruppen- und Personenklassifizierungen mit Identitätsansprüchen konstruiert werden, die Andere, also Nichtangehörige der eigenen Gruppe, Benachteiligungen, Demütigungen, Entwürdigungen oder Erniedrigungen aufnötigen. Dazu gehört selbstverständlich, und an vorderster Front, auch die moralisierende Missachtung der Mitglieder von homogen dargestellten Fremdgruppen und Feinden (s. Luhmann, 2016).

Das „in Nuancen … denken“, das Luc Caregari in seinem kurzen Beitrag über die „Wickler-Affaire“ und die Expressis-Verbis Webseiten gegen „Mainstream-Medien-Bashing, Statistik-Fantasien und auch impfskeptische Zeigenossinnen – bis hin zu Antivaxxerinnen“ (Caregari, 2021) anführt, aber selbst in keiner Weise anwendet, liegt tatsächlich am entgegensetzten Ende der Diskriminierung. Denn Diskriminieren heißt auch sprachlich in polaren, binären Gegensätzen zu verfahren, um die geachtete Eigengruppe von der missachteten Fremdgruppen abzuspalten. Nur wenn man, wie die WOXX, Diskriminierung thematisch auf die eigenen Anliegen einschränkt, darf man ohne jegliche kognitive Dissonanz Fremdgruppen im Namen der gesellschaftlichen Einigkeit ausgrenzen.

Dass auch die psychologische Motivationskraft solcher Ausgrenzung nicht unterschätzt werden darf, zeigt sich sowohl an der sprachlichen Aggressivität und Urteilsfreudigkeit der Beiträge als an den plötzlichen Wechsel der Standpunkte. So scheint auch der linksradikale Kritiker sich plötzlich, um das internationale Ansehen einer nationalen Fluggesellschaft zu sorgen, wenn es darum geht sogenannte „Corona-Skeptiker“ (was auch immer das bedeuten soll) zu verunglimpfen. Denn bevor er sich als Staats-begleitender Firmenverteidiger zur Geltung brachte, arbeitete Caregari nämlich als Mitarbeiter des Internationalen Netzwerks investigativer Journalisten (ICJS1) an den politischen und wirtschaftlichen Verwicklungen Luxemburgs der „Panama-Papers“ Affären. Die stumme Umkehrung der Korruptionskritik in besorgten Wirtschaftspatriotismus zeugt weniger von einer neu gefundenen Vaterlandsliebe, als von der opportunistischen Willkür argumentloser Missbilligung.

Solcher Umschlag vom Kampf um Anerkennung der Unterdrückten zur systematischen Ausgrenzungs-Offensive von Fremdgruppen kennzeichnet selbstverständlich nicht nur die ideologischen Eigentümlichkeiten der WOXX. Er ist Teil der allgemeinen Logik des neuen sexuellen Sprachaktivismus.

Das Überlaufen des Diskrimationskritikers zur aktiven Diskriminierung ernährt sich dabei zusätzlich aus den bekannten Phänomenen der Gruppenkohäsion (die emotionalen Bindungen des „Wir-Gefühls“) und des daraus entstehenden Anpassungsdrucks und Nutzenkalküls.

Warum diskriminieren?

Selbstverständlich wird man sich keine abschließende Antwort auf die Frage des „warum“ der Diskriminierung – auch derjenigen der scheinbaren Diskriminierungsgegner – erwarten. Die Erklärung kann jedoch auf eine Vielfalt von Forschungsergebnissen und Erklärungshypothesen zurückgreifen. Die neuen Wächter der regierungskonformen Wahrheiten werden selbstverständlich ein leichtes Spiel haben solche Wissenschaft insgesamt als „Verschwörungstheorie“ abzustempeln: handelt es sich doch auch hier um ‘Theorien’ über Gruppen, die sich zusammentun, um anderen Gruppen zu schaden.

Die empirische Sozialpsychologie unterscheidet zwischen Vorurteil und Diskriminierung insofern bei letzterer der Andere vorwiegend oder ausschließlich als Gruppenmitglied erfahren wird. Diskriminierung, genauso wie sein politisches Pendant des Populismus, lebt von Gruppenunterscheidungen: sexuelle Freiheitskämpfer vs. alte weiße Männer, verantwortungsvolle Menschen vs. hirnverbrannte Rechtspopulisten, kritische Journalisten vs. Verschwörungstheoretiker, usw. In der Diskriminierung werden Individuen insofern diskreditiert, als sie auf ihre Mitgliedschaft auf Gruppen und deren reale oder imaginäre Eigenschaften beschränkt werden können. (Zick, 2017, S. 62)

Während beim Diskriminieren individuelle Züge wie autoritärer Charakter, Dominanzorientierung und Reaktion auf persönliche Kränkung eine wichtige Rolle spielen, sind auch die sozialpsychologischen Motivationen der Diskriminierung nicht zu unterschätzen.

So kann Diskriminierung dazu dienen knapp erachtete Ressourcen – z.B. Leser, Glaubhaftigkeit, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Abonnenten, Finanzmittel und finanzielle staatliche Unterstützung usw. – gegen andere Gruppen zu behaupten und zu erweitern (Theorie des realistischen Gruppenkonflikts, Levine & Campbell). Hier wird eine reale oder gefühlte Bedrohung mobilisiert oder gar konstruiert – oft als Selbstverteidigung der ‘Guten’ – um die Abwertung anderer zu legitimieren und die Ressourcen zu sichern.

Die gruppenspezifische Dimension der Diskriminierung erschliesst sich ihrerseits aus dem Phänomen der sozialen Identität (Theorie der sozialen Identität, Tajfel & Turner). Die Zugehörigkeit zur Eigengruppe ist Quelle eines kollektiven Selbstwerts an der sich Gruppenidentität ausbildet. Diskriminierung anderer dient der Stärkung der eigenen Identität. Das sogenannte Gruppendenken (Janis, 1972), das paradoxerweise die persönliche Anpassung als Erfahrung individueller Identität und Stärke erzeugt, instrumentalisiert Diskriminierung und Stigmatisierung zum Ausgleich der eigenen Unzulänglichkeitsempfindung.

Auch das Motiv des Machtkampfs für soziale Dominanz (Social Dominance Theory, Sidaninus & Pratter) dürfte bei Ausgrenzungspraktiken nie ganz abwesend sein. Auch hier spielt unbewusster Autoritarismus – besonders bei Autoritarismuskritikern – eine entscheidende Rolle beim Anspruch der eigenen Gruppenüberlegenheit.

Zusammenfassend kann man behaupten, dass Ausschliessungspraktiken und Diskriminierungsrhetorik immer dann stattfinden:

wenn die Diskriminierung (a) Zugehörigkeit herstellen kann oder Differenz und Distanz unterstreicht, (b) sie Kontrolle und Einfluss ermöglicht, (c) die Diskriminierung soziale Zusammenhänge erklärt, (d) Selbstwert schafft und Vertrauen wie Misstrauen markiert.

(Zick, a.a.O)

Vieles von dem was also Journalisten heute „in Luxemburg (und auch sonstwo in der westlichen Welt)“ (Caregari, 2021) gerne als Kritik von sogenannten „Corona-Skeptikern“ darstellen, scheint der Diskriminierung von imaginären Fremdgruppen zum Verwechseln ähnlich.

Dass solche Diskriminierung dennoch den Anspruch der gesellschaftlichen Einigung und Befriedung oder gar des nuancierten Denkens erheben, zeigt wie bewusstlos hier Denken und Selbstreflexion vom Ressentiment der identitären Moralisierung vereinnahmt wurden.

Literatur

  • Caregari, L. Wickler-Affäre: Hirnverbrannt. (21/04/2021) WOXX. Abgerufen von https://www.woxx.lu/wickler-affaere-hirnverbrannt/
  • Gruen, A. (2000). Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor. Das Bedürfnis, bestrafen zu müssen. Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, 1/2000.
  • Janis, Irving L. (1972). Victims of Groupthink; a Psychological Study of foreign-policy Decisions and Fiascoes. Boston, Houghton, Mifflin.
  • Karin M. Eichhoff-Cyrus. (2004). „Vorwort.“ In: Karin M. Eichhoff-Cyrus (Hg.): Adam, Eva und die Sprache. Beiträge zur Geschlechterforschung. Mannheim 2004 (= Thema Deutsch, 5).
  • Luhmann, N. (2016). Die Moral der Gesellschaft (Orig.-Ausg., 4. Aufl). Suhrkamp.
  • Scherr, A. (2017). Soziologische Diskriminierungsforschung. In A. Scherr, A. El-Mafaalani, & G. Yüksel (Hrsg.), Handbuch Diskriminierung (S. 39–58). VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Zick, A. (2017). Sozialpsychologische Diskriminierungsforschung. In A. Scherr, A. El-Mafaalani, & G. Yüksel (Hrsg.), Handbuch Diskriminierung (S. 59–58). VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  1. https://www.icij.org/journalists/luc-caregari/ ↩︎